Montag, 28. September 2009

Der Kontrollverlust

Ach wie habe ich mich diese Woche wieder fremdschämend auf dem Sofa gewunden, als in einer renommierten TV-Talkshow des öffentlich rechtlichen Fernsehen, über Twitter und das Web an sich debattiert, und dann fingerzeigend abgestraft wurde.
JBK führte live durch die Welt des Webs und zeigte dabei insbesondere Twitter. Er präsentierte sein Twitter-Account, den er wohl nicht selbst für sich angelegt hat, sondern von einem Fan oder irgendeinem User angelegt wurde. Der Fremd-Twitterer lässt Kerner wohl regelmäßig mit Tweets aufleben.

Hier der Ausschnitt der Show.



Nun ja, einen Twitter-Account für eine Person aufzumachen, die davon nichts weiß, ist ein unfeine Angelegenheit. Insbesondere dann, wenn der Account dann auch noch so perfekt gestaltet ist, dass die Fan-Gemeinde draußen glauben könnte, es handele sich tatsächlich um die Person und nicht einfach nur um Satire.

Aber solche Piraterie kommt leider vor und dann ist eigentlich die Web-Gemeinde bzw. Gesellschaft aufgefordert, dagegen vorzugehen. Alle haben heutzutage eine hohe Verantwortung darauf zu achten, dass im Web oder direktem Umfeld, kein Missbrauch an Gesetzen, Personen, Moral, Umgangsformen etc. geschieht…
Zentrale (staatliche) Kontroll-Instanzen sind mit dieser Aufgabe meist eh überfordert und gerade im asymmetrischen Web, wird eine Kontroll- oder Freigabe-Instanz nicht greifen und unmöglich sein.
Dieser Sachverhalt geht aber nicht in die Köpfe vieler Politiker und auch Vertreter der Medien tun sich schwer damit. Schön zu erleben in der besagten Kerner-Show, wo sich die eine prominente Runde von GEZ-subventionierter ZDF-Moderatoren Prominenz, selbstgefällig und überheblich über Twitter auslässt. Schön von oben herab… Aber letztendlich erschreckend unbeholfen.

Wie bereits erwähnt, startet Kerner mit der Abstrafung, indem er sich noch - anfangs verständlicherweise - über seine fremdgesteuerte Twitter-Präsenz echauffiert.
Dann aber gleitet er und die ganze Debatte schnell ab in Aussagen wie, “das ist alles Geschwätz“, „das muss man doch insgesamt kontrollieren“, „was da läuft ist alles gehaltlos für journalistisches Arbeiten“ , „ich klemm den Mist jetzt einfach mal ab und mach den Deckel de Notebooks zu“ etc.

Schnell merkte man aber, dass z.B. im Iran die Journalisten-Zunft ihre Informations-Quellen oft über Twitter anzapfen. Man relativierte diesen Sachverhalt aber ganz schnell wieder mit einer obigen Handbewegung und mit der Bemerkung, es handele sich hier um Ausnahmenfälle, die mit der normalen Situation in Deutschland nicht vergleichbar sind. Und Twitter-Information, die aus dem Iran über den Äther zwitschern, würden natürlich sauber in Mainz checkt.
Ja, schön, finde ich auch gut… Aber ich habe das Gefühl, dass es die Herren insgeheim ein grundsätzliches Problem mit der Information haben, die im Web und Twitter oder Blogs etc unterwegs sind. Egal ob im Iran oder anderswo…

Information wird nämlich nicht mehr nur durch ihren Journalisten-Stab recherchiert und über ihren Sender von oben herab zum Volk distribuiert. Ohne Rückkanal… Plötzlich sind da ganz viele Journalisten, die sich aus dem gemeinen GEZ-zahlenden Volk rekrutieren. Diese Twitter-Journalisten senden Informationen an eine breite Masse, über ihren eigenen trivialen Twitter-Channel, in das ZDF-Sendegebiet und weit darüber hinaus. Unkontrolliert und an den etablierten journalistischen Größen und Medien-Instanzen vorbei.

Ach, wie ich ähnlich geartete Twitter- oder Web2.0-Debatten aktuell in den Medien immer mit Interesse verfolge!
Aber manchmal auch satt habe, weil man sich argumentativ eigentlich immer im Kreise dreht.
Soll der eine doch Twittern und der andere eben nicht, wenn er nicht möchte. Auch ich finde Twitter manchmal nervig, manchmal macht es mir Spaß. Manchmal betreibe ich dort ernsthafte Kommunikation, manchmal zwitschere ich eben nur Geschwätz in den Channel. Wie ich gerade Lust habe… Manchmal sind sogar Rechtschreibfehler in meinen Tweets.
Die Diskussionen, ob Twitter nun als neuer, ernst zu nehmender Informations-Channel etabliert werden kann, wo pisa-studien-gerechte Kommunikation betrieben wird, basiert meiner Ansicht nach eh nur auf einem simplen Sachverhalt, welcher die Vertreter der Medien zur Zeit massiv bedrückt:
Der drohende Kontrollverlust ihrer herrschaftlichen Sender- bzw. Publikations-Rolle.